Die meisten Studien zu Augmented Reality messen unmittelbar nach der Nutzung: Man setzt Probanden eine Brille auf, zeigt ihnen etwas, und erhebt wenige Minuten später Einstellungen und Absichten. Das ist praktikabel — lässt aber offen, ob man einen belastbaren Effekt misst oder das Nachglühen eines Neuheitsreizes.
Genau hier setzt unser Paper an, das gerade in Internet Research erschienen ist (Open Access, gemeinsam mit Sergio Barta, Reto Felix, Chris Hinsch, Mahdokht Kalantari und Nina Krey). 148 Personen, die zuvor nie eine AR-Brille getragen hatten, nutzten eine HoloLens für etwa fünf Minuten. Direkt danach haben wir gefragt, wie sie die Erfahrung erlebt haben. Rund fünf Tage später haben wir dieselben Personen erneut befragt. Diesmal danach, welche Ideen inzwischen daraus entstanden waren.
Theoretisch stützen wir uns auf das Konzept der Inspiration. Ein Beispiel: Jemand sieht in AR, wie ein anderes Sofa im eigenen Wohnzimmer wirken würde — das ist die erste Phase, das Angeregt-Werden. Dass er daraufhin tatsächlich vorhat, sein Wohnzimmer umzugestalten, ist die zweite. In der bisherigen AR-Forschung wurden beide Phasen praktisch immer im selben Fragebogen erhoben. Wir haben sie zeitlich getrennt.
Der Zusammenhang hält. Wer die Erfahrung im Moment als anregend empfand, hatte auch Tage später konkretere Vorstellungen davon, wie diese Technologie sein Wohnen, Arbeiten und Kommunizieren verändern könnte… bis hin zu der Erwartung, physische Gegenstände durch virtuelle zu ersetzen.
Aufschlussreich ist, woraus die Anregung entsteht: aus wahrgenommenem Spaß, aus wahrgenommener Nützlichkeit und aus dem Tragekomfort. Für das Aussehen des Geräts fanden wir dagegen keinen Effekt. Das ist ein Nullbefund und kein Beleg für Irrelevanz. Es stützt aber unser Argument, dass die Ergonomie der Hardware in der Konsumentenforschung zu AR systematisch unterschätzt wird: Wer AR-Brillen mit Tablets vergleicht, misst womöglich Sitzkomfort mit. Das Design mag eher Nutzungsvariablen erklären.
Zu den Grenzen: Die Stichprobe besteht aus Studierenden, erhoben wurde im Labor, und unsere abhängigen Variablen sind Erwartungen und kein beobachtetes Verhalten. Negative Konsequenzen haben wir in dieser Studie nicht erhoben. Folgt.
Barta, S., Felix, R., Hinsch, C., Kalantari, M., Krey, N., & Rauschnabel, P. A. (2026). Spatial future ahead! Augmented reality and anticipated life consequences. Internet Research, 36(7), 127-148.
Link (kostenlos, keine Paywall!): https://www.emerald.com/intr/article/36/7/127/1357006